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´ne echte Sauerei

„Es war vor nun mehr 110 Jahren, ich war damals gerade 12 Jahre alt …“, so ähnlich beginnt der alte Indianer in dem amerikanischen Western Little Big Man die Erzählung seiner Lebensgeschichte. Die kleine Episode, die ich erzählen möchte hat sich vor nun mehr 40 Jahren zugetragen, und ich war damals 20 Jahre alt … oder besser jung? Ist doch Scheißegal, Manne … (Zwischenruf von gegenüber.) … Erzähl´ endlich!

1971 … irgendwann fahren wir ins Sommerfeldlager. Es geht nach Briest bei Brandenburg. In der Nähe liegt ein Hubschraubergeschwader der NVA.

Wasser … Sand … Kiefern und … Moor. Im Zentrallager befinden sich der Stab, der STZ und der UAZ.  Wir schlafen in Zelten und (fr)essen aus dem Kochgeschirr. Die FJKs befinden sich in der Nähe.
Unser Lager liegt gut im Wald versteckt. Das hat aber keine Bedeutung, denn es wird etwas ganz Neues eingeführt … Lagerfunk! Zweimal am Tag werden wir berieselt. Am Morgen … mit den anstehenden Aufgaben und … am Abend mit deren Auswertung.
Die tägliche Ausbildung wird von einem Offizier aus dem Kdo.LaSK kontrolliert … Oberstleutnant Militz. Ein schneidig-zackiger Offizier, der mich ein bisschen an einen von damals erinnert …?! Er ist wohl verantwortlich für die Ausbildung der Fallschirmjäger, zumindest soll er deren Ausbildung kontrollieren.  Und wo lässt die sich am besten kontrollieren? Natürlich in der bataillonsinternen Kaderschmiede, dem UAZ! Das bedeutete für uns, Sackstand von 05.55 Uhr bis 22.15 Uhr!

An dieser Stelle reiße ich mich mal aus meinen Gedanken! Oberstleutnant Militz prägte in diesem Lager einen Satz oder Slogan … Wer weiß, was er sagte? Wer war dabei, wer kann sich erinnern?

Zum Fallschirmspringen fahren wir nach Schönhagen in die dortige Flieger-Schule der GST. Der UAZ bleibt eine Woche dort, die FJKs kommen, springen und hauen wieder ab.  
Im Lager Briest ist Einsatzgruppen-Taktik angesagt! Tag und Nachtausbildung! Es gibt MTAs und es wird gelaufen … unheimlich viel gelaufen.  Bei einer MTA stoßen wir zufällig auf eine Sturmbahn auf der gerade „Mucker“ geschliffen werden. So sind wir jeden Tag unterwegs. Bei einem dieser „Ausflüge“ hat sich eine Geschichte zugetragen, über die meine Kameraden heute noch lachen … wenn ich sie erzähle …

Wir wurden früh raus geschmissen, empfingen Platzpatronen und Imitationshandgranaten. Es ging um eine bewachte Eisenbahnbrücke. Man hatte uns aus der guten alten Tante „LO 1800″, ca. 10km vom Lager entfernt, abgesetzt. Die Brücke befand sich zwischen unserem Absetzpunkt und dem Lager. Außer meiner Gruppe waren noch die beiden anderen Gruppen des UAZ unterwegs.
Es war früher Vormittag. Wir bewegen uns also gefechtsmäßig … im Hinterland des Gegners … durch den Busch. Langsam lichtet sich der Wald – vor uns ein Dorf, nur ein Nest, paar Häuser bloß und ein Bauernhof. Von der Seite, von der wir uns annähern, ist dieser Bauernhof von einer roten, verwitterten Backsteinmauer eingegrenzt … ca. 1,5m hoch.
Ich kann sehen wie der Sicherungstrupp auf die Wand zu läuft. Zeichen – wir hocken uns hin und ich sehe, wie einer von den beiden über die Mauer schaut. Der andere guckt auch rüber … beide lachen hocken sich wieder hin – winken uns leise lachend ran. Zeigen uns an, leise zu sein. Wir also hin, hocken uns auch hinter die Mauer.
Ich schaue vorsichtig rüber und … sehe folgendes: Kleiner Bauernhof, mitten auf dem Hof ein Schwein. Das Schwein ist mit einer dünnen Leine an eine alte Erntemaschine angebunden. Hinter dem Schwein ein Eber … hinter dem Eber … der Bauer mit einem Stock (oder ´ner Gerte) in der Hand.
Jedenfalls sollte nun der Eber … auf die Sau. Und der Bauer treibt den Eber an … schlägt ihn immer auf´s Hinterteil: „Nu mach´ schon … mach … mach … Nu los!“
Was der Bauer nicht sieht … sind die acht Augenpaare, die mit ganz verklärtem Blick über die Mauer starren und nicht fassen können, dass der Eber diese Chance nicht nutzen will. (Sie sind sich sicher, solch eine Chance nie ungenutzt zu lassen!) Es ist völlige Ruhe, nur der Bauer ist zu hören. „Nu mach´ doch endlich, nu los!“ Das geht so 5 … 10 … 15 … Minuten – schnuppern und … das war’s. Und wir, hautnah dabei, glotzen über die Mauer auf den Bauernhof. Doch … plötzlich springt der olle Schweine-Bock auf die Sau. Nur, die Sau steht nicht still.
Jetzt schlägt der Bauer auf die Sau ein … damit die ruhig stehen bleibt. Endlich ist es soweit … der Fisch ist drin. Der Bauer grinst glücklich! Da lädt der Ufw. Manne S. … ganz leise … seine Maschinenpistole durch und … lässt – in diese vormittägliche Bauernhofs-Idylle – einen etwas längeren Feuerstoß gucken.
Beide, Bauer und Sau, legen einen sauberen 80-cm-Sprung aus dem Stand hin. Der Bauer lässt den Knüppel fallen, die Sau reist den Strick durch und rennt über den Hof … und hinten hängt der olle Eber drauf und weiß gar nicht so recht was los. Mit einmal ein Geschrei in dem ganzen Nest. Wir die Köpfe eingezogen und ab in den Wald zurück … Wir konnten uns vor Lachen nicht mehr halten.

Das war eines der wenigen, schönen  Erlebnisse, die ich während einer MTA hatte. Aber das Lachen sollte mir noch vergehen, nur ahnte ich das zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Euer Manne Sagan

Der Koch vom Fichtelberg

In unserer Zeitschrift „Unser Fallschirm“ Nr. 31/2002 Seite 11 hatte ich schon berichtet, wie ich zum FJB 5 kam. Heute, mit fast 77 Jahren (Inzwischen ist Werner stolze 83 Jahre jung. Anm. M.S.) , erinnere ich mich an eine Episode, die sich im Sommer 1963 zutrug.

Unter den gerade eingetroffenen  „Neueinstel­lungen“ befand sich ein Koch, der im Fichtelberg-Haus in Oberwiesenthal gelernt und gear­beitet hatte. Er wurde der Versorgungsgruppe der rückwärtigen Dienste als Koch zugeteilt. Er war aber nicht damit einverstanden, dass er in der Küche arbeiten sollte, kam zu mir und erklärte: „Ich bin nicht hergekommen um in der Küche zu stehen, sondern möchte Fallschirmspringer werden.“
Woraufhin ich ihm erklärte: „Bei uns sind alle Fallschirmspringer, auch die Köche und Kraftfahrer. Aber solche Soldaten wie Sie, die eine Spezialausbildung als Koch haben, werden ihre Kenntnisse dort einbrin­gen, wo sie diese am besten anwenden können. Sie sorgen jetzt dafür, dass es immer ein schmackhaftes Essen gibt.
Der Versorgungs­gruppenführer Stw. Riekhoff wird dafür sor­gen, dass sie im Schichtbetrieb arbeiten – einen halben Tag in der Küche arbeiten und einen halben Tag an der Sprungausbildung in einer Kompanie teilnehmen, wie auch die anderen Angehörigen der Versorgungsgruppe.“
Mit etwas Widerwillen fügte er sich dieser Anweisung und ich schickte ihn nun zum Versorgungsgruppen­führer, war eine Sorge los und der nächste hatte ein neues „Betätigungsfeld“ – den springenden Koch!
Irgendwann war es soweit, es ging zum Sprungbetrieb auf den Flugplatz nach Barth, auch die Köche waren für das Springen vorbereitet und wurden vereinzelt den Trainingsgruppen der Kompanien zugeteilt. Da auf dem Flugplatz die „Gulaschkanonen“ – mobilen Feldküchen – zur Versorgung der Truppe zum Einsatz kamen, musste nun auch unser „Gourmet-Koch vom Fichtelberg“ mit dieser Technik vertraut gemachen werden und nebenbei seinen Fallschirm packen und am Sprungbetrieb teil­nehmen.

Nachdem dem dritten Sprung war es dann soweit … unser Koch aus Oberwiesenthal stand plötzlich und völlig unerwartet vor mir. Er wollte sich doch nicht etwa bei mir bedanken? Mit ernstem Gesicht und gestraffter Haltung – und das hatte bei unseren Soldaten schon etwas zu bedeuten – erklärte er mir: „Genosse Major, ich hab´“, ich dachte mich verhört zu haben, „die Schnauze voll vom Fallschirmspringen, ich möchte nicht mehr daran teilnehmen.“ Oh ha, da musste Ursachenforschung betrieben werden, so einfach ging das bei uns nicht. Wer „A“ sagte musste auch „B“ springen!
Die Erklärung für diesen plötzlich „Sinneswandel“ war so einfach wie simpel: An diesem Tag war wohl der Wind etwas stärker und gerade noch im Bereich des Möglichen zum Springen, was für ihn zur Folge hatte, etwas hart aufgeschlagen zu sein. Also … der gesunde Respekt vor dem Springen, war bei unserem „Köchlein“ im Ar …gen. Aber gegen diese Art von Angst hatten wir ein einfaches Mittel.
Ich schickte ihn daraufhin kurzerhand zum Absetzer, ich glaube das war damals der Gen. Grygas, und ließ ihm nochmals das Verhalten bei der Landung erklären und üben. Danach kam unser „Köchlein“ in die Gruppe, in der auch ich springen durfte, was ihm zusätzlich Mut für die nächsten Sprünge machte. Natürlich hatte ich ins Geheime auch mit einer Portion „Erfolgszwang“ gerechnet, schließlich hatte er ja unbedingt „Fallschirmspringer“ werden wollen!
Er hat dann sein Ausbildungsprogramm auch bis zum Ende erfüllt … und war nicht der schlechteste – auch als Koch. Zumal mit dem immer die Kampfkraft der Truppe fiel oder stieg!

Leider kann ich mich nicht mehr so richtig an den Namen dieses Kochs erinnern, ich glaube er hieß Etzold oder so ähnlich?! Vielleicht kann sich ein Kamerad, der diese kleine Episode liest, an diesen Oberwiesenthaler erinnern und helfen?

Im Auftrag vom Kameraden Werner Scheel
aufgeschrieben vom Rüganer KL Manne Sagan

Vorkommnis 1

Mein wildestes „BESONDERES VORKOMMNIS“

Im Sommer 1986 ging es mir besch … (eiden schlecht). Zu dieser Zeit war ich Oberoffizier im Stab, und da wir praktisch kaum zu Hause waren sondern irgendwo im Gelände, ging zu Hause fast nichts mehr.
Sollte ich wirklich mal mit beiden Kindern und meiner Frau an einem Tisch sitzen, und ich erzählte ´was, dann fragte die Kinder ihre Mutter: „Was meint denn der Vati“. Sie hatten keine Ahnung von was ich sprach, sie verstanden es nicht – ich war eben keine Bezugsperson mehr. Was ich schon gar nicht wusste, meine Frau hatte sich einen Freund angeschafft, der täglich verfügbar war. Sie wollte so nicht mehr weiter leben. Aber so lief es in dieser Zeit bei vielen Offizieren. Heute lachen meine Frau und ich drüber und freuen uns auf die Silberhochzeit.
Hinzu kam, dass ich Zielscheibe eines Vorgesetzten  war – heute würde man von Mobbing sprechen. Nicht den kleinsten Fehler konnte ich mir leisten.

Wir waren gerade aus dem Bergsteigerlager ins Sprunglager nach Burg gekommen und der Kommandeur überraschte alle am folgenden Wochenende mit einer kollektiven Belobigung … Aufsitzen – ab nach Hause. Zurück blieben Wache und Küche in minimalster Besetzung … sowie Major F. und meine Person.

Scheißwochenende … was machen!? Als erstes ließen wir uns Samstagabend mit dem Trabbi-Kübel nach Schermen ins Sportlerheim fahren. Gleich so wie wir waren … im Feld ergrautem Kampfanzug. Zwei „Exoten“ auf der Flucht, aber zum Glück waren Fallschirmjäger dort nicht unbekannt.
Man war an die Schirme am Himmel war man gewöhnt und auch daran, dass so manches mal einer auf ein schnelles Bier vorbei „zischte“, lag die „Tränke“ doch direkt an der Laufstrecke.
In der Kneipe waren die örtlichen „Stammtrinker“ versammelt und hatte im Laufe des  Tages schon fleißig getankt, so dass es uns beiden nicht schwer fiel, die Jungs unter den Tisch und unseren eigenen Frust weg zu saufen. Zum Feierabend hin waren nur noch der Kneiper, dessen im Minutentakt immer hübscher werdende Wirtin und wir im Stadium der Ansprechbarkeit … und da passierte es …

Es kam zu einer folgenschweren Wette. Möglicherweise kam sie zustande, weil wir Fallschirmjäger – uns gegenseitig übertrumpfend – irgendwie bei der Wirtin landen wollten. Schließlich waren wir auch nur Männer! Heute fasse ich mich an den Kopp … aber auf so ´was kommt man nur im Suff:
Sonntagvormittag, in der Halbzeitpause des obligatorischen Fußballspiels, wollten wir mit der AN-2 unter der Hochspannungsleitung durch und über das Spielfeld hinweg fliegen, wobei ich in der offenen Tür auf der Schulter des Majors sitzen sollte!

Das Erwachen am nächsten Morgen war grauenhaft. Als hätte jemand Baldrian verschüttet … alles „verkatert“ … und irgendwie war da noch ´was!? Ach Du Sch….., die Wette. Nichts vorbereitet, der Rest pennt noch, die Piloten wissen noch gar nichts von seinem „Glück“ und das Schlimmste … die Zeit gegen uns!
Meinen Freund bekomme ich mit einem Schwall Wasser aus dem Tischdiensteimer wach. Er muss als Dienstgradhöherer die Piloten – die übrigens auch im Ausgang war – überzeugen und wenn nötig „Druck“ machen. Als bestes „Druckmittel“ legte ich ihm eine Flasche „Lunikow“ ans Herz, die ich mir aus meinem Herzen reißen musste … es war meine Letzte an diesem Wochenende! Gut, dass die meisten Angehörigen der NVA  gute Soldaten waren und Befehl und Weisung noch etwas galten … Befehlsverweigerung gab es deshalb auch in diesem Falle nicht!

Während sich die Piloten wuschen und anzogen, entzurrten wir die Maschine … schließlich lief die Zeit gegen uns … trotzdem galt es, den „Kampfauftrag“ zu erfüllen … Wir kamen aber trotzdem verspätet, aber nicht zu spät, an – die zweite Halbzeit lief bereits.

Als wir in nur 5 m Höhe, in unserem Zustand kam es uns jedenfalls so hoch vor, angebrettert kamen, ließ man den Ball eben Ball sein, alle starrte nur noch nach oben. Es muss ein Wahnsinnsanblick gewesen sein! Die Wirtsleute standen vor dem Sportlerheim und winkten förmlich auf gleicher Höhe mit uns. Dann kam das Hochziehen und abkippen zur Steilkurve nach rechts.
Die Zentrifugalkraft wollte mich, wie einen Sektkorken aus der Flasche, nach oben aus der Maschine „schnipsen“. Mit beiden Armen seitlich in der Tür und mit dem Nacken im oberen Türrahmen verkeilt, auf den Schultern meines „Majors“, hielt ich wie Schwarzenegger dagegen. Da ich den Kopf vollständig außen hatte, sah ich nur Himmel und die Tragflächenspitzen. Ich war dem (anderen) Himmel noch nie so nahe … Diese Kurve vergesse ich meinen Lebtag nicht.

Dieser Moment des Hochziehens brachte uns, wenn auch nur Sekunden, in den Bereich der Radarüberwachung der LSK/LV, bevor es wieder im Tiefflug zurück auf den Platz „ging“. Maschine verzurren und Ausgangslage wiederherstellen war rekordverdächtig, schließlich mussten wir damit rechnen, einem „Luftraumbeobachter“ aufgefallen zu sein. Aber scheinbar saßen dort genauso „gefrustete Genossen“ an den Schirmen … es kam nichts!
Auf jeden Fall auch heute noch meinen Dank an die Piloten für ihren „selbstlosen“ Einsatz … und mit Sicherheit würde ich heute nicht noch einmal auf solch eine „hirnrissige“ Idee kommen!

Aber eine „Lebenserfahrung“ hatte ich an diesem Tag gemacht: Selbst in tiefsten Krisenzeiten – ein paar Minuten ausflippen  – und schon hat man wieder Kraft getankt! Allerdings hätte es auch schnell meine letzte Erfahrung sein können.

Mit einem kleinen Augenzwinkern
Euer Kamerad Peter J.
LStR-40

Schneckenfresser

Es regnet in Strömen aber es ist wenigstens nicht kalt. Das laufen in den völlig durchnässten Klamotten fällt nicht leicht und hin und wieder hört man einen derben Fluch. Langsam wird es hell und der Morgennebel kriecht bis weit ins Unterholz des nahen Waldes. Die Männer, die sich gebückt und nach allen Seiten schauend über ein großes Rapsfeld bewegen, sind NVA-Fallschirmjäger – genauer: Resis. Reservisten, die für kurze Zeit ihren Arbeitsanzug gegen einen Kampfanzug eingetauscht haben. Obwohl sie diesen Tausch nicht auf eigenen Wunsch durchgeführt haben, wirken sie jetzt und hier recht gut motiviert.
Mitten in der Nacht hatte der Zugführer Oltn. Kühn die Leute alarmiert. Der „freche“ Bonner-Ultra habe wieder mal in der Nähe von Lanken-Granitz auf der Insel Rügen einen Brückenkopf gebildet … und das tat der regelmäßig, bis zu 10 Mal im Monat. Da fragt man sich schon was für „Kantenlatscher“ wir hatten!? Und nun … wurden 10 Fallschirmjäger-Resis los geschickt, die Kartoffeln aus dem Feuer zu holen, diesen Brückenkopf nach allen Regeln der sozialistischen, vom Haß geprägten Fallschirmjägerei zu zerschlagen.
Nach einer umfangreichen Einweisung durch den Zugführer, die Waffen hatten wir schon am Mann, gab´s noch die Übungsmunition und die Verpflegung – Komplekte! Der Koch musste ja im Objekt bleiben, der durfte erst bei großen „Gefechten“ raus! Nach dem wir alles verstaut hatten, ging´s ab zum Startplatz, wo der EG-Kleinabsetzer vom Typ „Weh Fümpf Null“ schon den Motor warmlaufen ließ. Wir stiegen auf und immer unter dem Radar bis zum Absetzpunkt. Ich hätte nie gedacht, dass es in dieser Höhe soviel Luftlöcher gab – manchmal hatten wir das Gefühl, als berühre das Fahrwerk den Erdboden. ‚Mein lieber Scholli‘ … uns tat ganz schön der Hintern weh.
In der Nähe der Ortschaft Kasnevietz wurden wir abgesetzt. Da die Wolkendecke so niedrig war, dass selbst die Nebelkrähen zu Fuß gingen (, aber das war wohl eine andere Geschichte!?), ein Sauwetter war, dass die Schirme eine Woche gebraucht hätten, um wieder trocken zu werden, erfolgte der Absprung ohne Schirm. Satte ein Meter fuffzig waren es bis zum Erdboden und das bei einer nie wieder erreichten Absetzgeschwindigkeit. Aber Dank des hervorragenden Ausbildungsstandes der Resis – gelernt ist gelernt – gab es keine Verletzten.
Als Einsatzgruppenführer war Ufw. Pürzel eingesetzt, ein sehr guter Soldat, und Stgfr. Selig war auch mit von der Partie. Übrigens ebenfalls ein ausgezeichneter und sehr sportlicher Soldat, dass man noch öfter nicht auf ihn als Reservist verzichten wollte – armer Kerl!
Wir umgingen die Ortschaft Putbus und bewegen uns gedeckt in Richtung Sellin, dabei einige Kilometer entlang der Schmalspurstrecke Binz – Putbus. Sauwetter und … kein „Rasender Roland“. Aber uns fällt auf, dass sich am brenneselbewachsenen Bahndamm eine Unmenge von Weinbergschnecken tummeln – fast wie die FKK-Mietzen beim Sonnenschein am strandseitigen Objektzaun!
Bei dem Gedanken – nicht an die Mietzen … was ihr wieder denkt – nur Büchsenbrot und Komplekte als Verpflegung dabei zu haben, dauerte es nicht lange und eine „abartige“ Idee wurde laut ausgesprochen: “Wir fressen Schnecken!“ Schon der Gedanke daran jagt mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. Als Junge hatte mir mein Opa Otto in so mancher Abendstunde vom Franzmann erzählt. Immerhin gehörte Opa zu den paar Hunderttausend Sicherheitsbeamten, als ein gewisser Herr am 23. Juli 1940 der Stadt der Liebe einen Besuch abstattete und … die nicht zerstören ließ. Also damals, als kleiner Junge, schaute ich meinen Opa ungläubig an als er mir davon erzählte, dass besagtes Menschengeschlecht jenseits des Oberrheins sich schon am frühen Morgen den Rotwein in den Schlund schüttete, den Lurchen die Beine ausreißt und die Schnecke aus ihrem Eigenheim lutscht. Das ging mir nun durch den Kopf …
Erst glaube ich an einen Scherz aber als Selig seine Schutzhandschuhe raus holt, dass waren damals noch diese „Dreifinger Frommse“, merke ich, dass die anderen keinen Scherz machten! Mich würgte es schon bei dem Gedanken … und beim Sammeln wurde es nicht besser. Die Schutzhandschuhe waren schnell gefüllt.
In der Nähe von Serams verließen wir die Kleinbahnstrecke und begaben uns in das Waldgebiet der Granitz.
Dort suchten wir uns einen günstigen Platz und bauen eine Basis aus – immerhin war es inzwischen früher Vormittag und die Sonne schien. Herrlich in dieser bedrohlichen Lage! Die richtige Zeit zum Frühstücken.
Unsere Jacken hängten wir zum Trocknen in der Sonne. Die Schnecken wurden aus den Handschuhen zu einem schönen Haufen aufgeschüttet.
Natürlich hatte nun schon jeder – außer mir – kiloweise Schnecken gefressen und natürlich zauberte jeder das beste Rezept aus dem Barett. Und was dann ablief hätte jedem französischen Gourmet, sehr wahrscheinlich, die Tränen in die Augen getrieben, denn mit Delikatesszubereitung hatte das nichts mehr zu tun.
Die Schneckenhäuser wurden zerdrückt, die Schnecken heraus gefummelt, lang gezogen, um festzustellen wo vorn und hinten, oben und unten ist. Zu guter Letzt wurde gemäß französischer Eigenart guillotiniert – der Kopf abgeschnitten. Nachdem wir sie in heißem Wasser gewaschen hatten, stellt plötzlich einer fest: Schnecken müssten eigentlich auch einen Darm haben. Das Massaker ging von vorne los. Jetzt wurden die Schnecken unter der leicht angedrückte Messerklinge durchgezogen, um eine eventuelle Darmentleerung zu erzielen. Nach erfolgtem Messer-, mit Stuhl hatte das nichts zu tun, -gang wurden sie noch mal im warmen Wasser gewaschen.
Das Braten der Schnecken erfolgte im Kochgeschirrdeckel zusammen mit Schmalzfleisch und Jagdwurst. Und weil eine Schnecke zu einem sehr hohen Prozentsatz aus Wasser besteht, wurde der Haufen in der „NVA-Gourmetpfanne“ – Gott sei Dank – immer kleiner. Beim Essen versagten meine Geschmacksnerven ihren Dienst, ich konnte keinen Geschmack feststellen, aber erahnte so etwas wie Pilze mit Backpflaumen oder so. Nur … wo sollten die hergekommen sein? Mit „Ah“ und „Oh“ schaukelten sich die Männer gegenseitig hoch. Ich bin aber auch heute noch davon überzeugt, wäre jeder von uns allein gewesen, wäre eine Scheibe Büchsenbrot mit Schmalzfleisch der Favorit gewesen.
So aber hatte ich mit Ehrfurcht zu diesen erfahrenen Kämpfern, die ausgesandt waren, einen Brückenkopf allein zu räumen, aufgesehen und einfach mit gefressen. Und … wir haben es überlebt!

25 Jahre später habe ich den Versuch noch einmal unternommen. Wo? Auf dem Mont-Saint-Michel an der französischen Atlantikküste in einen kleinen Restaurant gemeinsam mit meiner Frau. Dort habe ich eine ganze Portion Weinbergschnecken bestellt, zubereitet in Kräuterbutter. Als der Ober das Besteck brachte, hatte ich das Arbeitspult meiner Zahnärztin vor Augen – Haken und andere fragwürdige Gerätschaften.
Mit dem kleinen Haken wurde die Schnecke aus ihrem Haus gezogen und dann auf dem Teller mit den anderen Gerätschaften weiterbehandelt. Ich brauchte zum Erstaunen meiner Frau nur ein Messer , während sie mit dieser ganzen Prozedur nur schwer zurecht kam. Aber … Die Schnecken schmeckten gut – nach Kräuterbutter. Nach dem Essen sagte mir meine Frau, dass sie darüber gestaunt hätte, wie schnell und gut ich mit meinem „Schneckengericht“ zurechtgekommen sei. Stolz wie ein … Spanier … habe ich ihr geantwortet: „Schnecken … Schnecken haben wir bei den Fallis dreimal im Monat gegessen!“

Ach ja …. der Überfall! Das Objekt war kein Brückenkopf sondern ein Umspannwerk. Wir hatten es gegen Mittag aufgeklärt und am Abend sollte der Überfall erfolgen. Wir sind aber nicht ran gekommen, denn der vermeintliche Gegner waren acht Unteroffiziersschüler und Ufw. Kahlow aus dem UAZ!

Diese Männer legten den Grundstein für mein Fallschirmjäger-Dasein. An diesen Reservistenausbildungszug (RAZ) denke ich noch heute gern zurück. Die Namen dieser Männer haben sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt … wie der Geruch verbrannten Schneckenfleisches.

Euer,
die deutsche Küche bevorzugende
Hauptfeld der Na.Komp. Manne Sagan

… zieht mehr als 10 Pferde

1973, ich war noch stellvertretender Zugführer in der 2. FjK/3. Dienstjahr. und hatte im Jahresurlaub gerade meine Frau kennen gelernt. Damit kam Unruhe in mein Soldatenleben.
Plötzlich wollte man am Wochenende keine Wache mehr schieben oder stellvertretend für den Hauptfeldwebel, Waffen für die Wache oder andere 24-Stundendienste ausgeben. Jetzt waren andere Sachen wichtiger … ich wollte nach Stralsund. Und das in jeder freien Minute!

Jeder, der in Prora gedient hat, kann sich sicher an das Dilemma mit der Deutschen Reichseisenbahn erinnern. Prora ab: 17.39 Uhr, Lietzow umsteigen, 19.02 Uhr oder noch später in Stralsund. Zurück 00.10 Uhr, das gleiche Chaos, in Lietzow verpennt und dann von Saßnitz oder Sagard zu Fuß nach Prora.
Aber da gab es ja Kameraden wie z.B. den Stgfr. Riedel. Er hatte eine 250er ES im Motorradschuppen stehen (, später war das verboten!), und die stellte er mir gelegentlich zur Verfügung. Selbstverständlich musste ich ihn immer fragen und deshalb gab es auf die Dauer nur eine Lösung – ich musste mir selbst ein Motorrad zulegen.

Ein Zufall kam mir zu Hilfe. Ich las eine Annonce im Rügener Skandalanzeiger, so nannten wir damals die Ostsee-Zeitung: „Verkaufe 300er MZ!“ Das war´s! Also ab nach Stralsund und Probe fahren. Ich kann Euch sagen, ein Ofen. Großer tschechischer Cross-Lenker und noch ein paar andere Dinge, die wir damals als Extras bezeichneten. Ich weiß nicht mehr ob die Karre 130 km/h gemacht hat, aber im ersten Gang konnte man mit ihr, und das mit Sicherheit, pflügen. Die hatte einen sagenhaften Anzug. Ich habe das Ding gekauft und war somit von allem unabhängig.
Endlich niemanden mehr fragen und so konnte ich den Dienstschluss kaum erwarten. Nach der Dienstausgabe ging es im Laufschritt in den 5. Stock, umziehen, Sprunghelm schnappen und 15 Minuten später war ich auf dem Weg zum Motorradschuppen. Dieser befand sich am KDL/Wachlokal.
Die Wache, gestellt durch meine eigene Kompanie, bereitete sich gerade auf die Wachablösung vor und empfing mich natürlich neugierig. Ich hatte ihnen ja von meiner Anschaffung erzählt, und die wollten sie nun mal in voller Action erleben.

Ich schob den „Hobel“ aus dem Schuppen. Jede Menge lobender Worte und fachmännische Äußerungen ließen mich mit vor Stolz geschwellter Brust den Zündschlüssel in die dafür vorgesehene Öffnung stecken. Benzinhahn öffnen – „tippen“ – zweimal durchtreten – Zündung an und … Scheiße war´s.
Ich hab mich fünf Minuten an dem Bock fertig gemacht, aber er sprang nicht an. Nun versuchten mir meine Genossen Mut zu machen. „Manne, auch ein gutes Motorrad wird mal angeschoben!“ Na Jungs, dann macht mal das Tor auf. Ich in Startposition … der olle Lenker war so breit, dass ich nur mit ausgestrecktem Arm und gerade so den Gasdrehgriff erreichen konnte.
So … den zweiten Gang rein und Start. Nach ca. 50 Meter … die Karre lief noch nicht … haue ich den ersten Gang rein. Ihr wisst, Stoppschild, dann links abbiegen, Richtung Binz oder Bergen! Plötzlich gibt das einen Knall, der Ofen springt schlagartig an, reißt mich nach vorn … ich den Gasdrehgriff bis zum Anschlag nach hinten. Ich kam einfach nicht auf den Hobel. Mit riesigen Panthersprüngen lief ich neben dem Bock her. Am Stoppschild vorbei, über die Straße und auf der anderen Seite in den Wald …
Als ich die Augen geöffnet habe – Birkenblätter und Tannengrün über mir. Wie aus weiter Ferne höre ich das Johlen der Wache. Als ich nach rechts schaue, dreht sich genau vor meiner Nase das olle fette Hinterrad. Und der Bock … läuft. Noch halb im Liegen zerre ich am Ganghebel und versuche mit der Hand den Gang heraus zu bekommen … Mir ist nichts passiert.

Mein Motorrad hat keine größeren Schäden davon getragen, nur die Blinkleuchten sind beide abgebrochen. Das nächste was ich abbreche, ist mein Ausgang. Unter dem lauten Gejohle und Gelächter der Wache, schiebe ich die „Scheißkarre“ in den Motorradschuppen zurück. So kameradschaftlich Fallschirmjäger sein können, genauso schadenfroh können sie auch sein. Der Wachhabende, Unterfeldwebel Seehawer meinte noch zu mir: „Guter Sprint, Manne!“ Am darauf folgenden Wochenende bin ich dann wieder mit dem Motorrad vom Stabsgefreiten Riedel nach Stralsund gefahren.
Stabsfeldwebel Erich Walkowski nahm sich meiner Karre an und stellte die Zündung ein. Blinkleuchten waren leider in den Kfz-Läden in Bergen und Sassnitz nicht vorrätig. Irgendwann habe ich den Bock an einen Ufw. vom Chemischen Dienst verkauft. Der ist dann mit dem Geschoss in Karow, kurz vor Bergen, zusammengebrochen.

Euer „Waldarbeiter“ Manne

Winterliche Tarnung

Winterurlaub? Von wegen … Winterfeldlager hieß die Maßnahme, die einmal im Jahr – meist im Februar – auf uns zukam.
Gefechtsausbildung unter winterlichen Bedingungen im Mittelgebirge! Schon die Vorbereitungen waren für die Soldaten und Vorgesetzte der totale Stress. Aber der Gedanke, endlich mal für ein paar Wochen von der Insel zu verschwinden, erfüllte den einen oder anderen Fallschirmjäger mit Vorfreude. Man sah mal etwas anderes als immer nur Wasser, Strand und nackte Weiber. Verlegt wurde per Eisenbahntransport. Abgangsbahnhof Prora – Zielbahnhof war Ilmenau im Thüringer Wald.
Wir schreiben das Jahr 1973 und ich bin in der 2.FJK/3.Dienstjahr. Die Kompanie hat einen neuen Kompanie-Chef und einen neuen Hauptfeldwebel. Für uns Unteroffiziere wird es dadurch noch stressiger.
Am Vormittag wird verladen. Dann werden die Kompanien auf die Waggons verteilt. Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich glaube 20 Mann, also ungefähr ein Zug mit Zug- und Gruppenführer in einen Waggon. Und ohne Wache läuft gar nichts. Bewacht wird der gesamte Transport bei allen Zwischenstopps auf Bahnhöfen und bei Halts auf freier Strecke. Die Wache hatte deshalb einen Extra-Waggon. In den Mannschaftswaggons wurden nur Brandwachen eingeteilt – für die Zeit der Nachtruhe. Irgendwann ging es dann los.
Meist in den frühen Abendstunden setzte sich der Zug in Bewegung. Die Stimmung war gut, fast wie in einem FDGB-Urlauberzug. Die Waggontür wurde in 2er-Reihe belagert, denn jeder wollte erleben, wenn der Zug den Rügendamm passierte und dann in Richtung Süden, durch fast jedermanns Heimat fuhr.
Nun, es war aber Februar/März, des Nachts wurde es kalt und so wurden dann bei Zeiten die Türen geschlossen und die Jäger setzten sich in einem Kreis um den ollen Kanonenofen, der mitten im Waggon stand, herum. Nach dem Essen kam die Stunde der Witze- und Episodenerzähler. Das Ofenrohr glühte, nicht nur von der Hitze des Feuers, bis unter das Waggondach und im Waggon machte sich wohlige Wärme breit. Einige Jäger schliefen bereits, andere hielten bis spät in die Nacht am warmen Ofen durch. Es blieb nicht aus, dass beim Nachlegen von Kohlen „rein zufällig“ eine Platzpatrone mit in den Ofen wanderte. Ergebnis war ein lauter Knall, Funken stoben und … die schlafenden Kameraden drehten sich verärgert auf die andere Seite.
Ich habe aber auch erlebt, wie beim Nachlegen von Brennstoff eine Büchse Chesterkäse „rein zufällig“ den Weg ins Öfchen fand. Kameraden … ich sage Euch, die Wirkung war verheerend: Die Ofenklappe flog mit einem lauten Knall auf, das Ofenrohr wurde vom Ofen getrennt und fiel mit Gedonner neben dem Ofen auf den Waggonboden. Im Nu war die Bude blau und die schlafenden Kameraden fuhren erschrocken hoch, weil sie glaubten, der „Leibhaftige“ sei durch das Ofenrohr in den Waggon gefahren. Das war geil!!!
Seit diesem Erlebnis bin ich auch in der Lage den Begriff „Kanonenofen“ zu erklären und wusste, dass auch unsere NVA über „Geheimwaffen“ verfügte, diese auch in regelmäßigen Abständen der Truppenerprobung zuführte …

Die Fahrt ging im Prinzip kreuz und quer durch die DDR. Längere Aufenthalte dienten unter anderem zum „Bunkern“ von Brennstoffen – aller Art. Es gab auch Fälle, wo Kameraden während der Verrichtung ihrer Notdurft mit ansehen mussten, wie sich der Zug langsam in Bewegung setzte. Da hat so mancher endlich erkannt, dass die Mädels besser dran waren, denn mit hochgehaltenem Rock kann man besser rennen als mit heruntergelassener Hose. Aber dank ihrer sportlichen Fähigkeiten und unter den „Anfeuerungsrufen“ ihrer Kameraden, gelang es jedem, meist noch mit halb herunterhängender Kampfanzughose, einen Waggon zu erreichen. Die es nicht schafften, fanden dann solidarische und unbürokratische Unterstützung bei den Genossen der Deutschen Volkspolizei, die dann endlich mal die Gelegenheit hatten, dem Lada die „Brust“ zu geben. Also eine beidseitig willkommene Abwechslung. Dumm war nur der daran, der an einen ABV geriet. Auf dem kleinsten „Viehtransporter des RGW“ – Ihr wisst ja noch: Die Schwalbe – passen zwei Bullen drauf! – war wirklich wenig Platz, wenn vorne ein „alteingesessener“ Genosse dieser Gattung saß.

In der Regel brauchten wir auch noch den ganzen nächsten Tag um unseren Zielbahnhof zu erreichen. Das Landschaftsbild hatte sich inzwischen geändert. Es lag Schnee und der wurde immer mehr. Als wir den Zielbahnhof in Ilmenau erreichten war es bereits wieder dunkel. Jetzt konnten unsere ausgebildeten Militärkraftfahrer zeigen, was sie drauf hatten.
Nach der Entladung ging es noch einige Kilometer in Richtung Tambach-Dietharz. Dort angekommen, kamen wir in ein in der Nähe des Rennsteigs gelegenem GST-Lager unter. Wir schliefen in Bungalows, es gab einen Speisesaal und eine Waffenkammer.
In der Nähe gab es eine Kneipe, das „Vier-Pfennig-Haus“. Eigentlich gleich neben dem Lager. Unsere Vorgesetzten hatten ein Herz für den Kneiper und der hatte ein Herz für die Soldaten. So kam jeder zu seinem Recht …
Tagesablauf wie in der Kaserne: Morgenappell – Ausbildung – Mittag – Pflege und Wartung der Waffen und Ausrüstung – für uns Dienstvorbereitung – Dienstausgabe – Freizeit.
Ausbildung hieß in erster Linie „Einsatzgruppen Thematik im Mittelgebirge/Winter“. Auf Schiern durch den verschneiten Thüringer Winterwald in weißem Schneehemd, auf weißen Schiern mit grünem „Rallye-Streifen“ und Stahlkanten – das war was. Und immer auf der Suche nach einem Hang zum „Wedeln“. Da uns aber am Tag, in der normalen Ausbildung immer die Zeit im Nacken saß, mussten wir dieses Vergnügen auf das Wochenende verschieben, d.h. Sonnabend, Sonntag wurde für das allgemeine Ski-Vergnügen genutzt. Immerhin war mir, als ein im 5-km-Sperrgebiet und im schönen Harz – also in einer relativ schneesicheren Ecke – groß gewordenen Menschen das Skilaufen nicht ganz fremd … aber Wedeln!? Das war dann doch nicht ganz mein Ding. Also entschlossen wir uns, d.h. Stabsfeldwebel N., Feldwebel R. und ich, zu einer schönen ausgedehnten Skiwanderung entlang des Rennsteiges. So stapften wir also an einem Sonntagmorgen hintereinander durch den tiefverschneiten Winterwald. Wir hielten uns etwas abseits der FDGB-Loipen und genossen die herrliche Ruhe der verschneiten Wipfel.
Irgendwann gabelte sich aber der Waldweg auf dem wir liefen. Ein Weg führte schräg am Hang entlang nach unten und … wir entschlossen uns spontan diesen zu nehmen. Es waren weit und breit keine Spuren zu sehen, unten konnten wir einen Bach erkennen über den eine Brücke führte und davor befand sich ein kleiner freier Platz.
Es lagen gut 50-60 cm Schnee und Feldwebel R. zögerte etwas, den Weg als erster hinunter zu fahren. Also entschloss ich mich den beiden zu zeigen, wo der Hammer hängt und stieß mich ab. Leicht nach vorn gebeugt hielt ich stramm auf die Brücke zu und bekam auch ganz gut Fahrt drauf. Ungefähr 10 m vor der Brücke … war meine Fahrt plötzlich abrupt zu Ende. Sterne … ein wahnsinniger Schmerz, der mir in beiden Beinen nach oben schoss. Ich fand mich im Schnee liegend … wusste aber nicht was los war. Ich hatte zu dieser Stunde nichts getrunken, spürte nur den Schmerz in den Schienbeinen.
An meinem rechten Sprungschuh baumelte die gesamte Bindung. Sie war aus dem Ski herausgerissen. Meine Kameraden halfen mir auf die Beine. Was passiert war?! Der Weg, den ich nach unten gefahren, war ging leicht nach rechts weg … während ich geradeaus auf die „Brücke“ zugefahren war. Die vermeintliche Brücke war aber nicht das wonach sie aussah sondern angestaute Äste und ähnliches. Und dieser kleine freie Platz war ein Rastplatz auf dem eine – im Schnee versunkene – Bank stand. Diese „abgetarnte“ Sitzgelegenheit entpuppte sich als „Panzersperre“ … meine Bretter hatten sich in voller Fahrt unter diese geschoben und meine schöne Fahrt jäh beendet. Das war’s dann. Humpelnd und unter Schmerzen – Feldwebel R. trug meine Schier bzw. was davon übrig war – erreichten wir das Lager. Das Mitleid der EK’s war, wie bei meinem Sprint mit dem Motorrad, einfach umwerfend. Weiter will ich ihre „aufrichtige Anteilnahme“ an meinem Unglück nicht weiter beschreiben. Stgfr. Jungtorius, Stgfr. Weigelt und Stgfr. Schulz (Otto) – sie grinsen sicher heute noch darüber – können sich bestimmt noch gut an diese kleine Episode erinnern.
Am nächsten Morgen, nachdem ich meinem Kompaniechef ein paar Schienbeine gezeigt hatte, die blau gefärbt waren bis unter die Knie, wurde ich nach Gotha ins Militärlazarett gebracht. Dort durfte ich mich dann drei Tage von meiner Skiwanderung im schönen Thüringer Wald erholen.
Zurück im Lager, empfing mich mein Zugführer Leutnant Seedorf mit einem Lächeln im Gesicht. „Na Feldwebel Sagan, alles wieder klar?“ Ich sah aber die Schadenfreude in seinen Augen blitzen … aber … einige Tage später!
Während einer Einsatzgruppenübung, „fiel“ auch er dem Schnee des Thüringer Waldes zum Opfer. Allerdings kein „ruhmreiches“ Ereignis, das es lohnt der Nachwelt zu erhalten!
So war das damals, vor rund 40 Jahren … ein harter Winter mit eingeschneiten Überraschungen.

Euer „Schneemanne“ Sagan

Von Fall zu Fall

Wie ich so im Nachhinein von einigen Kameraden erfahren habe, mussten die sich ganz schön nach der Decke strecken, um bei den Fallschirmjägern dienen zu dürfen.
Da muss bei mir ´was falsch gelaufen sein!? Bei der GST hatte ich nur eins vor Augen – den Führerschein fürs Motorrad, billiger konnte man den Lappen nicht kriegen. War ja dann auch so. Irgendwann lag eine Postkarte im Briefkasten, der „Musterungsbefehl“. Naja, also zum festgesetzten Termin zum Wehrkreiskommando und … die Hosen runter. Wie am Fließband lief das ab, kein großes Gelaber, nur immer „Weiter!“. Zu guter Letzt stand ich vor einem Tisch mit drei uniformierten „Herren“ und die Stunde der Wahrheit war eingeläutet … gut, es waren keine zehn Minuten … „Gratuliere meine Junge, Du wirst Fallschirmjäger!“ Alles in einem militärisch zackigen Ton. Hat nur noch der Knall des Stempels auf das Blatt Papier gefehlt – „KV“. Also war die erzgebirgische Luft doch nicht die ungesündeste …
Ein paar Tage vor der Einberufung wurde ich dann feierlich im Betrieb verabschiedet und erhielt einen Paten an die Seite, der fortan den Kontakt zwischen mir und der Brigade halten sollte.

Meine Stunde Null begann in „Zwigge uff´m Boahnhoff“. Per Sammeltransport im Sonderzug über Leipzig – Berlin nach Prora und immer dabei Leute mit weißem Koppelzeug, die zwar jeden auf den Zug aufstiegen ließen aber nur ausgesuchte an bestimmten Bahnhöfen wieder runter. Der Zug war nämlich „Zubringer“ für viele Dienststellen der unterschiedlichsten Waffengattungen.
Als es über den Rügendamm ging, wurde mir schon ganz anders …. Sollte ich nicht Fallschirmjäger werden? Aber hier war nur Wasser, soweit das Auge blickte. Oh oh …
Es war der 02.11.1966, ein sehr kalter Tag, als ich am Arsch der Welt – äh – in Prora ankam und am Bahnhof stand ein Unteroffizier, der nicht gerade „zutraulich“ aussah. Es dauerte auch nicht lange bis nur noch ein kleines Grüppchen – ich mitten drin – auf dem Bahnhofsvorplatz übrig war und besagter Unteroffizier. Ein jähes „Gepäck aufnehmen“ ließ die letzte Zigarettenkippe aus den Fingern gleiten und … ab ging´s im Gänsemarsch. Im Zug hatten wir noch tolle Sprüche gekloppt und ausgelassen gesungen, aber mit jedem weiteren Schritt vom Bahnhof weg wurde es immer ruhiger.
Dann ging es ein breites Tor, der Wache stand die Freude über die „Glatten“ schon ins Gesicht geschrieben … bald wussten wir auch warum! Als erstes ging es zur Kleiderkammer, dort herrschte dann schon ein härterer militärischer Ton. Ich begriff auch schnell, dass der militärische Sprachgebrauch nur auf das Notwendigste reduziert war. Zweite Worte dominierten hier in diesem Bereich: „Passt!“ und „Weiter!“ … Widerspruch war zwecklos. Der „BA-Bulle“ Dieckmann machte kein großes Federlesen. Gleich vor Ort hieß es Zivil aus Unterwäsche und Trainingsanzug an. Wer natürlich Mutti´s Zettel mit den Größen verschludert hatte … konnte immer noch mit einem anderen tauschen. Irgendwie hat zum Schluss alles irgendwie gepasst! Die Zivilklamotten … keine Chance … kamen gleich in den Karton, den jeder mit der Bekleidung empfangen hatte, und der ging mit der nächsten Post nach Hause.

Im Trainingsanzug mit „Seesack“ über der Schulter wurden wir vor der Kleiderkammer unserem zukünftigen Spieß übergeben. Hauptfeldwebel Walter Heilek sportlich durchtrainiert und ein Organ, das jedem Feldmarschall zur Ehre gereicht hätte. Ich später selber einmal erlebt, wie sich die Fenster im fünften Stock nach außen wölbten als er im Erdgeschoß „Alles raustreten!“ brüllte. Ehrlich.
In der A-Kompanie war das nun der Mann, der steht mein Wohl vor Augen hatte, über mein Tun und Lassen in Prora entschied. Uns wurde also nichts geschenkt und uns blieb nichts erspart. Schließlich sollten und wollten wir Fallschirmjäger werden … dem Himmel ein Stück näher sein als andere Soldaten. Also bezogen wir unsere Unterkünfte im fünften Stock!
Irgendwie haben wir es auch mit Sack und Pack nach oben geschafft, wobei ich ja schon viel vom „Koloss von Rügen“ und dass der mal ein Urlaubsdomizil für 20.000 Menschen von einer Organisation „Kraft durch Freude“ sein sollte, dass war mir an diesem Tag aber so egal … die Kraft war fast am Ende und die Freude seitdem Verlassen des Zuges vergangen.
Nun lernten wir den KC, Zugführer und die Gruppenführer kennen. Meiner muss im UAZ so viel „Dampf“ bekommen, dass er den Druck regelrecht an uns weitergab und sich deshalb uns richtig ins Gehirn gebrannt hat.

Die richtige Schinderei begann mit dem Bettbau – die Lieblingsdisziplin von Hauptfeld und Gruppenführer. Die blaukarierte Bettwäsche musst immer auf Bettkante ausgerichtet und auf der Wolldecke am Fußende das NVA lesen zu sein. Damit ja die Wäsche im Spint auch auf Kante lag, wurde innen eine Zeitung auf 30 cm Breite gefaltet und in der Wäsche mit gefaltet.
Aus alten Filmen kannte ich es ja, dass der Spieß immer ein Notizbuch bei sich trug, aber „Papa Heilek“ hatte noch ein weiteres Utensil – ein Stöckchen mit Maßkerbe bei 30 Zentimetern. Es wurde nichts dem Zufall … aber auch gar nichts. Und eh die Tür hinter den bei zufiel, hab ich bei Drei aufgehört zu zählen, wie oft mein Spint noch nach vorne fiel … nicht nur an diesem Tag. Es war ein gewisser Usus.
Jedenfalls hatte ich schon während der A-Kompanie bereut, mich für die Fallschirmjäger gemeldet zu haben. Immerhin gab es für alles eine Steigerungsform ….
Jeden Morgen diese Hundekälte, es war ja schließlich November, zum Frühsport dann ein 3000 Meterlauf zum warm werden, anschließend in der Ostsee ein „kleines Bad“ zum Abkühlen und damit niemand zurückblieb, schön „Händchen“ haltend. Das bei jedem Wetter.

Aber irgendwann war es dann soweit. Während einer Ausbildungsstunde hatte ich so die Schnauze voll, dass mit ein „Scheiß Fahne“ lauthals entfleuchte und das wohlgeschulte Ohr meines Gruppenführers erreichte. Der gebot mir dann in voller Ausrüstung gleitend den Horizont zu erreichen, nur verlief dieser parallel zur Ostsee, immer an der Wasserkante und war hier der Unteroffizier … also nicht so schnell zu erreichen. Erst als ich mit ihm einer Meinung war und lautstark verkündete „Es gefällt mir bei der Armee!“, konnte man wieder von einem ausgewogenen Unterstellungsverhältnis sprechen!
Es schien während der Zeit in der A-Kompanie nur zwei Fortbewegungsarten zu geben: Gleiten im Gelände und Laufschritt bis in den fünften Stock. Je nach Laune der Vorgesetzten mal mit Ausrüstung, gepacktem „Seesack“ oder an Feiertagen auch mal ohne. Um keine Langeweile aufkommen zu lassen, wurde ab und an auch mal „Maskenball“ gespielt – von einer Uniform in die andere springen, also von der Sportbekleidung in die Ausgangsuniform, von der wiederum in die Felddienst und alles nach Normzeiten. An eine andere Freizeit und Briefe schreiben war kam zu denken, wir sind abends todmüde ins Bett gefallen und haben die ganze Nacht im Halbschlaf nur noch auf „Alarm“ gewartet, bis uns das schrille Pfeifen des UvD’ s aus den Betten und zum Frühsport trieb. Zum Glück war auch diese Zeit mal vorbei.
In der letzten Woche der A-Kompanie konnte man dann wählen, in welche Einheit man wollte … Kp., BB, STZ oder Funkzug. Ich hatte mich für die Tasenf… entschieden. Vorher wurde noch ein Hörtest gemacht.
Also jeder war für eine kurze Zeit selber seines Glückes Schmied, denn wo er hin wollte, war die letzte freiwillig Entscheidung. Lediglich den Allerbesten wurde diese abgenommen, sie wurden überzeugt dorthin zugehen, wo ich um Gotteswillen nicht hin wollte, da es in meinen Augen glatter „Selbstmord“ war, zum UAZ. Die Ausbildung dort dauerte ganze 10 Monate, dass wollte ich mir und letztendlich meiner armen Mutter nicht antun.
Selbst bei den Funkern hat man mir nichts geschenkt. Die Ausbildung war mehr als nur hart, aber dafür perfekt und ich bin heute noch einige Uffz. und Offz. Dafür dankbar, dass sie mir so viel bei gebracht haben, was mich heute noch mit manchen Dingen viel besser klarkommen und so manches locker wegstecken lässt.

Übrigens – das Fallschirmjägerhandbuch ist erst in den 70er Jahren verlegt worden und alles was dort niedergeschrieben ist, sind Erfahrungen, die unseren Jahrgängen viel Schweiß und Nerven gekostet haben. Die Uffz. und Offz. hatten zu meiner Zeit sowohl gute bis sehr gute theoretische wie auch praktische Erfahrungen, weshalb viele Offiziersschüler der OHS der LaSK auch ihr Praktikum bei uns im Bataillon ableisten mussten.
Auch wenn ich damals, ins Geheime noch öfters, „Scheiß Fahne!“ gesagt habe, so bin ich heute – wie viele andere bestimmt auch – der Meinung: Es war meine schönste Zeit, an die ich mich noch heute gern erinnere.

Soweit aus dem Leben
des „Sprutzes“ Siggi Subklew

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