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Die Analyse der weltweit stattfindenden Kriege und die eigenen Erfahrungen der USA in Iran zeigen, dass den Amerikanern unangenehme Überraschungen drohen könnten. Um solche Überraschungen zu vermeiden, hat das Pentagon das "Project Meridian" ins Leben gerufen. Mit diesem ambitionierten Vorhaben soll bereits jetzt skizziert werden, wie Kriege bis zum Ende des Jahrhunderts aussehen werden und wie man sie gewinnen kann.

Mit dieser Studie wurde die MITRE Corporation beauftragt. Ihre Aufgabe besteht darin, innerhalb kürzester Zeit, konkret bis zum 28. Januar 2027, ein Strategiepapier für die US-Führung zu erstellen, das festlegt, auf welchen Kriegsschauplätzen, mit welchen Technologien und nach welchen Beschaffungsregeln die USA im 21. Jahrhundert Krieg führen werden. Seitens des Pentagons wird das Projekt von Emil Michael geleitet, der unter Verteidigungsminister Pete Hegseth als stellvertretender Minister für technische Entwicklung fungiert. Unterstützt wird er dabei von dem ehemaligen Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, dem Mitbegründer des Unternehmens "Anduril", Palmer Luckey, sowie Elon Musk, der längst zu einem festen Bestandteil der militärtechnischen Elite der USA geworden ist.

MITRE ist eine Nonprofit-Organisation, ebenso wie andere vergleichbare privat geführte, staatsnahe Einrichtungen in den USA. Doch anders als viele dieser Organisationen ist sie in vielerlei Hinsicht recht rätselhaft, angefangen damit, dass selbst die genaue Bedeutung ihres Namens nicht zweifelsfrei bekannt ist. Die Organisation wurde 1958 als gemeinnützige Einrichtung gegründet und betreibt ein Netzwerk staatlich finanzierter Forschungszentren, die an zukunftsweisenden militärischen Technologien arbeiten. Heute umfasst dieses Netzwerk 42 solcher Zentren.

Das Unternehmen wirbt aktiv US-Veteranen und Hightech-Ingenieure aus dem zivilen Sektor an. Die Übertragung der Projektleitung an das unabhängige Unternehmen MITRE war eine Reaktion des Pentagons auf die Kritik verschiedener Ethikkommissionen. Da Musk und Luckey kommerzielle Unternehmen leiten, die sich um milliardenschwere Aufträge bewerben, soll der gemeinnützige Status von MITRE das Projekt vor gravierenden Interessenkonflikten schützen.

Gemäß einer offiziellen Direktive des Pentagons soll "Project Meridian" über den Rahmen einer traditionellen Militärdoktrin hinausgehen. Das Projekt umfasst vier zentrale Arbeitsbereiche:

Die USA planen, neue Kriegsschauplätze zu studieren und zu analysieren. Dies umfasst potenzielle Kriegsszenarien sowohl auf der Erde als auch im Weltraum. Mit dieser Aufgabe befasst sich der erste Arbeitsbereich.

Anstelle der traditionellen Kriegsschauplätze zu Land, in der Luft und zur See befasst sich das Projekt mit extremen Operationsräumen. Dazu zählt vor allem der Raum zwischen Erde und Mond, der sogenannte cislunare Raum. Militärische Infrastruktur, Überwachungssysteme und Strategien zur Stationierung von Streitkräften zwischen Erde und Mond – all das soll als Teil von "Project Meridian" erforscht und analysiert werden. Die USA gehen nämlich davon aus, dass sich der Wettbewerb mit China in diesem Jahrhundert nicht allein auf die Erde beschränken wird.

Darüber hinaus werden unterirdische Kampfhandlungen untersucht. Hier geht es konkret um Technologien zur Ortung von Objekten, Navigation unter der Erde und Kampfeinsätze in komplexen unterirdischen Anlagen und Höhlensystemen. Auch die Satellitensysteme kommerzieller Raumfahrtunternehmen sind hier von größter Wichtigkeit. Geplant ist eine umfassende Integration großer kommerzieller Satellitenkonstellationen in die militärischen Kommunikations- und Aufklärungssysteme, die bei Kampfhandlungen zum Einsatz kommen sollen.

Der zweite Arbeitsbereich befasst sich mit der rasant wachsenden Rolle künstlicher Intelligenz in der modernen Kriegsführung. Von höchster Priorität ist hier der Übergang von einer Armee, die auf Technik mit fest vorgegebenen Parametern ausgerichtet ist, hin zu einer flexiblen, skalierbaren und auf Software basierenden Struktur. Untersucht werden KI-gestützte Waffentypen und automatisierte Systeme, die taktische Entscheidungsprozesse erheblich beschleunigen, sowie in großer Stückzahl produzierbare autonome Kampfroboter und deren Einsatz gegen "traditionelle" Streitkräfte.

Ein Schwerpunkt des dritten Forschungsbereichs ist die Suche nach technologischen Innovationen, nach einem wissenschaftlichen Durchbruch von militärischer Bedeutung. Forschungsgruppen sollen dabei Bereiche bewerten, die für die militärische Überlegenheit im 21. Jahrhundert von entscheidender Bedeutung sind. Hierzu zählen sogenannte gerichtete Energiewaffen (directed-energy weapons). Es soll vor allem untersucht werden, wann diese einsatzbereit sein könnten und wie effektiv diese Laser- und Hochleistungsmikrowellensysteme bei der Abwehr massiver Angriffe aus der Luft wären. Untersucht werden auch Biotechnologien und Mensch-Maschine-Systeme, also zukunftsweisende biotechnologische Ansätze und Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine, die vom Militär in künftigen Konflikten genutzt werden könnten.

Im vierten Arbeitsbereich wird eine Reform der militärischen Beschaffung erarbeitet. Da die herkömmlichen jahrzehntelangen Beschaffungszyklen als zu langsam gelten, wurde eigens eine Abteilung eingerichtet, die sich schwerpunktmäßig mit dem Beschaffungswesen beschäftigen soll. Dieser Arbeitsbereich umfasst die Entwicklung von Protokollen für beschleunigte Testverfahren, die den Weg von einem technologischen Durchbruch im zivilen Sektor bis zum Einsatz im tatsächlichen Gefecht verkürzen sollen. Außerdem werden Mechanismen erarbeitet, die eine direkte Integration vielversprechender kommerzieller Innovationen in die Arbeit des Vereinigten Generalstabs der USA (Joint Chiefs of Staff) sowie in die verschiedenen Teilstreitkräfte ermöglichen würden. In dieser Hinsicht sind bereits erste Schritte unternommen worden. So ist beispielsweise das Unternehmen Palantir in die Beschaffungsprozesse für den Bau der neuen strategischen U-Boote der Columbia-Klasse eingebunden.

Die Reaktion des wichtigsten geopolitischen Rivalen der USA ließ nicht lange auf sich warten. In China wurde der Start von "Project Meridian" äußerst pragmatisch aufgenommen. Die in Peking ansässige Denkfabrik "Blue Army Open-Source Intelligence Research Institute" veröffentlichte einen Bericht, in dem die amerikanische Initiative detailliert analysiert und die Chinesische Volksbefreiungsarmee (VBA) dazu aufgerufen wird, das Format des Projekts eins zu eins zu übernehmen. Chinesische Experten lobten vor allem das Konzept eines ultraschnellen 120-tägigen Analysezyklus sowie die Einbindung ziviler Ingenieure und Wissenschaftler.

Gleichzeitig warnten sie die Führung der Volksrepublik China eindringlich davor, einen bestimmten "amerikanischen Fehler" zu begehen und dem Lobbyismus eine übermäßig starke Rolle einzuräumen. In Peking ist man der Ansicht, dass die Einbindung von Musk und Luckey in die Führungsebene ein Beweis für den unternehmerischen Egoismus der USA ist. Daher müsse China zwar die amerikanische Planungsgeschwindigkeit übernehmen, dabei aber die vollständige staatliche Kontrolle über diese Prozesse bewahren.

Dies ist übrigens nicht das einzige Programm dieser Art, über das die USA verfügen. Der militärische Rückschlag in Afghanistan hat den Amerikanern einmal mehr vor Augen geführt, was sie zwar schon vorher wussten, aber in der Praxis nur unzureichend umsetzten: Sie haben es mit echten Menschen zu tun, die über einen eigenen Willen verfügen. Die Ausbildung und Erfahrung der US-Armee, ihr Waffenarsenal und ihre Militärtechnik sind keineswegs immer stärker als der Widerstandswille des Gegners.

Am selben Tag, an dem Pete Hegseth den Start von "Project Meridian" ankündigte, veröffentlichte das Pentagon ein Handbuch mit dem Titel "Analyzing Will to Fight" (Analyse des Kampfwillens). Dessen Kernbotschaft lautet, dass bei der Bewertung der Kampffähigkeiten eines Gegners nicht nur die materiellen Ressourcen berücksichtigt werden müssen, sondern auch der menschliche Faktor, also die Kampfbereitschaft und das Durchhaltevermögen der Menschen.

In den USA wird schon seit Langem zu diesen Themen geforscht. Dutzende Bücher und Artikel wurden in den letzten Jahrzehnten hierzu veröffentlicht. Bisher waren diese jedoch die Arbeit von Denkfabriken oder das Ergebnis privater Forschung. Nun hat sich der militärische Nachrichtendienst des Themas angenommen. Der kürzlich veröffentlichte Leitfaden ist hierbei nur die Spitze des Eisbergs. Die interessantesten Aspekte des Ganzen bleiben natürlich im Verborgenen.

Im öffentlichen Teil des vorliegenden Dokuments wird nicht etwa ein abstrakter "Kampfgeist" untersucht, sondern konkrete gesellschaftliche Merkmale, wie die Eigenschaften von Führungspersonen, die militärische Kultur sowie die Fähigkeit zu militärischen Innovationen. Die Methodik ist zwar alles andere als ideal, ermöglicht es jedoch zumindest annähernd einzuschätzen, mit was für einem Gegner man es zu tun haben könnte. Es soll beurteilt werden, wie stark der Kampfwille und die Kampfbereitschaft des Gegners ausgeprägt sind, ebenso wie seine Bereitschaft, das Kriegführen zu erlernen.

Um zu verstehen, was am Ende für die Amerikaner dabei herauskommen könnte, genügt ein Blick auf ihre früheren Erfahrungen. In den 1920er und 1930er Jahren arbeiteten die USA intensiv an Plänen für einen zukünftigen Weltkrieg. Die Codenamen dieser Pläne waren zunächst einzelne Farben ("Gelb", "Rot" und so weiter). Später wurden sie von der stärker praxisorientierten "Regenbogen"-Serie abgelöst.

Der letzte dieser Pläne, "Rainbow Five" genannt, sagte den tatsächlichen Verlauf des Zweiten Weltkriegs zu rund 60 Prozent voraus. Diesem strategischen Dokument ist es zu verdanken, dass die USA mit der Mobilisierung ihrer Streitkräfte noch vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor begannen und noch bevor sie sich im offenen Kriegszustand mit Deutschland befanden.

Im technologischen Bereich lässt sich etwa darauf verweisen, dass die Entwicklung eines dezentralen Steuerungssystems für das amerikanische Atomwaffenarsenal zur Entstehung des Internets führte, das später erfolgreich als Instrument psychologischer Kriegsführung genutzt wurde. Ebenso erwähnenswert sind die Untersuchungen von Herman Kahn, die er in seinem Buch "On Thermonuclear War" (Über den Nuklearkrieg) darlegte und die die Strategie der USA im Konflikt mit der UdSSR maßgeblich prägten. Und schließlich wäre da noch die maritime Strategie der USA, die "Maritime Strategy" der frühen 1980er Jahre. Sie ermöglichte es den USA, ihre Marine auf einen hypothetischen Krieg gegen die Sowjetunion vorzubereiten.

Nun wollen die USA einen Schritt weiter gehen. Ein technologisches Konzept wie jenes, das einst zur Entstehung des Internets führte, oder ein strategisches Dokument wie die "Maritime Strategy", das die Kriegsführung der kommenden Jahre skizzierte, wird ihren Ansprüchen nicht länger gerecht. Sie benötigen ein umfassendes Dokument, das aufzeigt, welche Kriegsschauplätze und Operationsräume in künftigen Konflikten eine Rolle spielen werden und welche voraussichtlich nicht. Daher soll auch ein derart breites Spektrum abgedeckt werden, vom Krieg unter der Erde bis hin zu Kämpfen um den Mond. Dieses strategische Dokument soll auch beschreiben, welche Technologien einen entscheidenden Sieg über den Gegner ermöglichen, wie diese industriell und in großer Stückzahl gefertigt werden können und wie die Beschaffungsprozesse zu organisieren sind, damit das bestellte Material auch fristgerecht bei den Streitkräften eintrifft.

Die Amerikaner haben viele offene Fragen: Welches Verhältnis zwischen unbemannten Drohnen und bemannten Flugzeugen sollte bei der Luftwaffe und der Marine angestrebt werden? Welche militärischen Berufe lassen sich durch Roboter ersetzen? Wie lässt sich eine so große Stückzahl an Robotersystemen kostengünstig produzieren? Werden Kampfhandlungen unter der Erde in Zukunft zu einem festen Bestandteil der Kriegsführung oder bleiben sie eine Ausnahmeerscheinung?

"Project Meridian" soll Antworten auf die meisten dieser Fragen liefern und ein lückenloses Bild von der Kriegsführung der Zukunft ermöglichen. Analysen des militärischen Nachrichtendienstes werden zudem aufzeigen, wo genau die Belastungsgrenze der gegnerischen Gesellschaft liegt.

Die wichtigste Lehre aus "Rainbow Five" ist nicht, dass die Amerikaner es einst schafften, die Zukunft vorherzusehen. Ihre Prognose traf nur zu 60 Prozent zu. Doch das reichte aus, um gut vorbereitet in den Krieg zu ziehen, während andere noch zauderten. "Project Meridian" folgt derselben Logik:

Eine perfekte Prognose wird es nicht geben, aber die USA würden einen ausgearbeiteten Referenzrahmen erhalten – ein Modell, das es ihnen ermöglichen würde, Entscheidungen über Beschaffung, Technologie und die Struktur der Armee im Voraus zu treffen, statt erst kurzfristig auf aktuelle Ereignisse reagieren zu müssen.

Admiral Arthur Cebrowski, der Begründer der Theorie der netzwerkzentrierten Kriegsführung (Network-Centric Warfare), sagte:

"Wer seine Zukunft nicht selbst gestaltet, wird zwangsläufig zum Opfer einer Zukunft, die andere für ihn erschaffen."

Die USA sind offensichtlich entschlossen, die Zukunft eigenhändig zu gestalten – sowohl für sich selbst als auch für alle anderen. Gleichzeitig zeigt die prompte Reaktion der Analysten aus Peking, dass Washingtons wichtigste Rivalen keineswegs gewillt sind, passive Opfer dieser Strategie zu bleiben. China wird dem amerikanischen Vorstoß mit "Project Meridian" eigene strategische Initiativen entgegensetzen und versuchen, die USA mit ihren eigenen Waffen zu schlagen – mit Schnelligkeit, Flexibilität und Technologie.

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