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Bei der Leipziger Drohnengeschichte, die Politik und Behörden hierzulande als Beleg für eine neue russische Bedrohungslage und als Rechtfertigung für die jüngste Eskalation mit Moskau nutzen, bleiben weiterhin viele Fragezeichen. Wo sind die eindeutigen Beweise, die auch der Otto-Normal-Beobachter nachvollziehen kann? Welche Rolle spielte ein Flughafenmitarbeiter, der die Drohne offenbar einfach so vom Himmel holte? Und wie ließ sich der Großeinsatz aus Polizei, Sprengstoffexperten und Fernsehteams binnen Minuten organisieren? Ausgerechnet aus der Ukraine kommen nun kritische Fragen zu genau dieser Version.
Der ukrainische Blogger und Journalist Anatolij Sharij hat auf der Plattform X eine Darstellung veröffentlicht, die der offiziellen deutschen Beschreibung des Vorfalls widerspricht. Sharij beruft sich dabei auf einen angeblichen Mitarbeiter des Flughafens Leipzig/Halle, dessen Schilderung er in einem langen Thread wiedergibt.
Was am Flughafen Leipzig/Halle wirklich geschah
Anfang August war am Frachtflughafen Leipzig/Halle eine Drohne samt Sprengsatz in unmittelbarer Nähe eines ukrainischen Transportflugzeugs entdeckt worden. Zu einer Explosion kam es nicht, wenig später wurden zwei weitere Drohnen aufgespürt. Nach vierwöchiger Prüfung schrieb die Bundesregierung Anfang September den versuchten Anschlag russischen Geheimdiensten zu.
In Berlin geht man davon aus, dass Deutschland wegen seiner Unterstützung der von Russland angegriffenen Ukraine ins Visier verdeckter Operationen russischer Nachrichtendienste geraten sei. Die Vorwürfe reihen sich ein in eine Serie von Spannungen zwischen Berlin und Moskau, die zuletzt auch die Debatte um schärfere Sanktionen, die Reform des BND und die politische Stimmung vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt befeuert haben. Belastbare öffentliche Beweise für die russische Urheberschaft hat die Bundesregierung bislang nicht vorgelegt.
Sharij erinnert in seinem X-Post zunächst daran, dass es bereits 2024 einen dokumentierten Fall gegeben habe, in dem Unbefugte den gesicherten Perimeter des Flughafens durchbrochen hätten. Damals seien sieben Aktivisten der Letzten Generation durch drei Löcher im Außenzaun auf das Rollfeld gelangt, fünf von ihnen hätten sich festgeklebt. Diese Vorgeschichte zeige, so Sharijs Argumentation, dass Sicherheitslücken am Leipziger Flughafen nichts Neues seien.
Vor diesem Hintergrund schildert der Ukrainer die Version seines angeblichen Informanten. Der Vorfall habe sich nachts während der Beladung eines Frachtflugzeugs im Bereich Vorfeld 2 ereignet, wo unter anderem DHL- und Antonow-Maschinen abgefertigt würden. Dass in der Umgebung – etwa nahe eines Notausgangs an der Straße S8a, wo sich nachts gelegentlich Plane Spotter (Flugzeugbeobachter) aufhielten – häufiger Drohnen gesichtet worden seien, sei den Mitarbeitern demnach bekannt gewesen. Diesmal jedoch habe eine kleine Drohne unmittelbar neben einem Beschäftigten geschwebt, der sie schließlich mit der Hand zu Boden gedrückt und dabei die Propeller beschädigt habe. Über Funk habe er gemeldet, das Gerät liege am Boden.
Fehlende Beweise
Was danach geschehen sei, empfindet der Informant laut Sharij als „äußerst merkwürdig“. Binnen weniger Minuten seien Polizei, Sprengstoffexperten, Feuerwehr, Fernsehteams und ein spezialisierter Entschärfungsroboter vor Ort gewesen. Obwohl der Flughafen rund 20 Kilometer von Leipzig entfernt liege und der Zugang zum gesicherten Vorfeld normalerweise Sicherheitskontrollen und einen Tagesausweis erfordere. Diese Geschwindigkeit habe unter mehreren Flughafenmitarbeitern Fragen aufgeworfen, so der ukrainische Journalist.
Besonders vehement widerspricht die zitierte Quelle den Berichten über Sprengstoff und Zünder. Der Mitarbeiter, der die Drohne eigenhändig herunterbrachte, habe weder Sprengstoff noch einen Zünder an dem Gerät gesehen. Die später veröffentlichten Fotos, die die Drohne neben Sprengmaterial zeigten – darunter der Hinweis auf tschechisches Semtex –, deckten sich nicht mit dem, was die Mitarbeiter am Einsatzort ursprünglich wahrgenommen hätten.
Bei der Drohne selbst habe es sich um ein kleines, günstiges Consumer-Modell für Foto- und Videoaufnahmen gehandelt, das kaum eine nennenswerte Zusatzlast hätte tragen können. Der Mitarbeiter sei angesichts der öffentlichen Darstellung empört gewesen, könne sich aber aus Angst um seinen Arbeitsplatz nicht offen äußern. Zudem sei nach dem Vorfall am besagten Notausgang an der S8a nun rund um die Uhr Polizei postiert. Just an jener Stelle, an der zuvor Plane Spotter verkehrten und Drohnen beobachtet worden seien.
Zwei Versionen, offene Fragen
Sharij schreibt selbst, dass die Aussage des Mitarbeiters allein keinen Beweis für eine Inszenierung liefere. Dafür brauche es unabhängige Belege. Er formuliert stattdessen einen Katalog überprüfbarer Fragen. Wann genau sei die Drohne entdeckt und die Funkmeldung abgesetzt worden? Wann seien Polizei, Sprengstoffexperten, Feuerwehr und Journalisten alarmiert worden, und wann seien sie tatsächlich eingetroffen? Wer habe das mutmaßliche Sprengmaterial zuerst entdeckt, und sei es zum Zeitpunkt der Bergung physisch an der Drohne befestigt gewesen? Wer habe das Gerät als Erster untersucht, gebe es Fotos von vor dem Eintreffen der Entschärfer? Wie seien Medienvertreter überhaupt so schnell auf das Flughafengelände gelangt?
Diese Fragen sind, unabhängig davon, wie man zur Ukraine-Berichterstattung Sharijs steht, journalistisch legitim – zumal auch die Bundesregierung ihre Zuschreibung an russische Geheimdienste bislang nicht mit öffentlich einsehbaren Beweisen unterlegt hat. Zwischen der offiziellen Version eines potenziell gefährlichen Sprengsatz-Anschlags und der Gegendarstellung eines angeblichen Flughafenmitarbeiters, der von einem harmlosen Hobby-Fluggerät und einer überraschend gut vorbereiteten Reaktion der Behörden spricht, klafft eine erhebliche Lücke. Eine Lücke, die sich nur durch eine transparente, nachvollziehbare Aufklärung der Ereignisse schließen ließe.
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