Der Politikwissenschaftler Ingar Solty, Referent für Friedens- und
Sicherheitspolitik bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, hat dazu eine
Flugschrift vorgelegt: „Innere Zeitenwende“. Im Gespräch mit
dieser Zeitung seziert er die ökonomischen Mythen hinter dem
Zeitenwende-Narrativ, die soziale Dimension der Aufrüstung und die
ostdeutsche Sonderrolle.
Zeitenwende: Bereits beschlossene Sache vor dem Krieg
Sie kritisieren in Ihrem Buch, dass weder das 100-Milliarden-
Sondervermögen 2022 noch die 500-Milliarden-Aufrüstung 2025
von einer breiten gesellschaftlichen Debatte begleitet wurde. Selbst
Habeck räumte später ein, dass er als Vizekanzler vom Umfang
überrascht wurde. Wie konnte eine derart weitreichende
Weichenstellung an Parlament und Öffentlichkeit vorbei
durchgesetzt werden?
Durchgesetzt werden konnte sie vor dem Hintergrund des Schocks
über den Kriegsausbruch in der Ukraine – womit die Allerwenigsten
gerechnet hatten. In diesem Kontext konnte die Aufrüstung als
Reaktion auf diesen Krieg dargestellt werden. De facto aber waren
die wesentlichen Entscheidungen längst beschlossene Sache oder in
der Pipeline.
Im Koalitionsvertrag vom 24. November 2021 steht zwar etwas von
einer abrüstungspolitischen Offensive. Aber im Kleingedruckten
sieht man: Abgerüstet werden sollten eigentlich nur Waffen, die
Deutschland gar nicht hat – nämlich Atomwaffen. Alle anderensollten angeschafft werden: bewaffnungsfähige Drohnen, F-35-
Kampfflugzeuge, Transporthubschrauber. Das alles passierte, bevor
es die ersten Warnungen vor einer möglichen Invasion gab.
Wäre die Zeitenwende auch ohne den Ukraine-Krieg gekommen?
Ja. Niemand rüstet gerne proaktiv auf. Es ist immer besser, eine
Bedrohungslage zu nutzen, um defensiv aufzurüsten. Toni Hofreiter
würde jetzt sagen: Die Zeitenwende war ja nur die Folge der
Vollinvasion. Aber tatsächlich wird schon seit 2013 aufgerüstet, die
eigentliche Zäsur war 2014. Schon im Koalitionsvertrag von 2013
standen die Aufrüstungsmaßnahmen. Ich zeige in meinem Buch die
Entstehungsgeschichte dieser Aufrüstung auf, die heute
„Zeitenwende“ genannt wird.
„Die Feindstellung gegen den Russen sitzt tief“
Das Axiom der Debatte lautet: Russland stellt eine existenzielle
Bedrohung für Westeuropa dar. Dabei sagt selbst Nato-
Generalsekretär Mark Rutte, die Nato sei Russland militärisch wie
wirtschaftlich überlegen. Wie erklärt sich, dass das
Bedrohungsnarrativ trotzdem so unwidersprochen verfängt?
In Westdeutschland gibt es eine ungebrochene Kontinuität der
Russlandfeindschaft. Seit der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges
war Russland immer der Feind. Nazideutschland führte einen
Kreuzzug gegen den Kommunismus. Dieser antirussische
Antikommunismus lebte im Kalten Krieg fort. Natürlich hat Russland
heute nichts mit der Sowjetunion zu tun, es ist ein rechter,
autokratischer Staat. Aber die Feindstellung gegen „den Russen“ ist
geblieben.
Dazu kommen Gründe, die mehr mit der Gegenwart zu tun haben.
Es ist ein großer Krieg auf dem europäischen Kontinent, der als
bedrohlich wahrgenommen wird. Ich würde nicht einmal
ausschließen, dass es zu einem Krieg mit Russland kommen kann,
aber dann nur als Resultat des gegenseitigen Hochschaukelns, vor
allem im Baltikum.
„Rüstungskeynesianismus ist eine Scheinrechnung“
Sie zeigen auf, dass jeder in Rüstung investierte Euro maximal 50Cent Wirtschaftsleistung erzeugt, während Investitionen etwa in
Bildung und Gesundheit eine deutlich höhere Multiplikatorfunktion
haben. Trotzdem verkauft Merz Aufrüstung als nachhaltiges
Wirtschaftsprogramm. Warum verfängt das?
Aus Sicht der Regierung ist die Alternative entweder gar kein
Konjunkturprogramm oder eines ausschließlich für Aufrüstung.
Wenn der Staat Geld in die Hand nimmt, hat das immer einen
Effekt. Die Rüstungsindustrie kurbelt die Stahlproduktion an – die
Salzgitter AG bekommt jetzt die Zulassung für Panzerstahl. Aber
das wird das, was in der Autoindustrie wegbricht, weder beim
Wachstum noch bei der Beschäftigung auffangen können. Im
Gegenteil: Am Ende beschleunigt es die Deindustrialisierung.
Gesamtwirtschaftlich positive Effekte hätte Aufrüstung nur, wenn
man entweder permanent Krieg führt – also dauerhaft Nachfrage
nach Waffen erzeugt – oder wenn man in diesen Kriegen etwas
erobert. Das US-Modell. Oder, wie beim Nazi-Deutschland-Modell,
wenn man sich bei Staaten verschuldet, die man später überfällt.
Oder drittens: wenn man selbst der Staat ist, bei dem andere
Rüstung einkaufen. Dieses Ziel gibt es bei den Rüstungskonzernen
und in Teilen der Bundesregierung durchaus. Aber ob es
Deutschlands Ziel sein kann, Rüstungsgüter in alle Welt zu
verschiffen, die dort Kriege, Tod und millionenfache
Fluchtbewegungen hervorrufen, ist zu hinterfragen.
Ost-West-Gefälle: „Andere Erfahrungen mit Russen“
Laut Ihren Zahlen lehnen 75 Prozent der Ostdeutschen den Aufbau
Deutschlands zur stärksten konventionellen Armee Europas ab. Wie
erklären Sie diese Haltung?
Interessant ist ja, dass wir in vielen ehemaligen Ostblockstaaten
starke antirussische Tendenzen sehen. Eine Kaja Kallas aus einem
winzigen Staat bringt die europäische Außenpolitik dahin, dass die
Chefdiplomatin sagt, Russland solle als Atommacht zerschlagen
werden. Vor dieser Logik müsste man annehmen, gerade die
Ostdeutschen müssten besonders antirussisch sein – sie haben ja
unter dem „russischen Joch“ gelebt. Aber offenbar hat man in
Ostdeutschland andere Erfahrungen mit Russen gemacht.
Es gab stärkere ökonomische Verbindungen, durch die ältereGeneration
auch Russischkenntnisse, und vor allem nicht diese
Kontinuität des Kalten-Krieg-Antikommunismus. Hinzu kommt das
Erkennen, dass diese Aufrüstung eine Umverteilung von unten nach
oben ist. Und Ostdeutschland ist nun einmal mehr „unten“ als
Westdeutschland. Es gibt dort weniger Aktionäre, die von
Rüstungskonzernen profitieren. Und Ostdeutsche finanzieren mit
ihren Steuern Rüstungsproduktion in Westdeutschland.
„Wehrpflicht für Bonzenkinder“
Sie verknüpfen die Wehrpflicht mit der Klassenfrage – 49 Prozent
der in Afghanistan eingesetzten Soldaten hatten einen
ostdeutschen Hintergrund, Springers Welt sprach von
„Unterschichtenarmee“. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund
Sonneborns ironischen Vorschlag einer „Wehrpflicht für
Bonzenkinder“?
Diese Rede wurde nicht zufällig millionenfach geklickt – sie spitzt
die Widersprüche zu. Einerseits wird die Bundeswehr als ganz
normaler Arbeitgeber dargestellt, andererseits heißt es: Wir sind
schon nicht mehr im Frieden, der letzte Sommer 2025 war vielleicht
der letzte Sommer im Frieden. Diese Widersprüche und den
Klassencharakter hat Sonneborn sehr stark aufgegriffen.
Bei keiner Partei ist die Bereitschaft zur Aufrüstung und zu
Waffenlieferungen so groß wie bei den Grünen. Und bei den
Anhängern keiner Partei ist die persönliche Bereitschaft, mit der
Waffe in der Hand zu kämpfen, so gering ausgeprägt. Da ist sehr
klar, für wen vorgesehen ist, zu befehlen, und für wen vorgesehen
ist, befohlen zu werden.
Die soziale Rechnung: „Entweder Rüstungsstaat oder Sozialstaat“
Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen sozialen Folgen dieser
inneren Zeitenwende?
Die Sozialdemokratie hatte gehofft, mit der Lockerung der
Schuldenbremse Aufrüstung und Sozialstaat erhalten zu können.
Bezeichnenderweise wurde die Schuldenbremse exklusiv für die
Rüstung gelockert – nicht für einregnende Schulen oder
einstürzende Brücken. Aber für Waffen schon. Das war
Selbstbetrug.Schulden kommen mit Zins und Zinseszins. Der Verdi-Chefökonom
Dirk Hirschel hat berechnet, dass allein die Zinslast bis 2028 von 30
auf 60 Milliarden Euro anwächst. Hinzu kommen die Corona-Fonds
mit 385 Milliarden, die 2028 fällig werden, das Bundeswehr-
Sondervermögen 2031, die Infrastrukturmittel für
„Kriegstüchtigkeit“ voraussichtlich 2037. Die Aufrüstung wird alles
andere erdrücken.
Manche verweisen darauf, dass die BRD 1963 sogar 4,88 Prozent
des BIP für Rüstung ausgab. Aber das war zur Zeit einer
wachsenden Wirtschaft mit starker industrieller Basis. Wir wissen
aus der Geschichte: Wenn ein Land sich auf militärische statt zivile
Industrie spezialisiert, wirkt das rapide deindustrialisierend. Die
USA, Großbritannien und Frankreich sind deswegen so
deindustrialisiert. Die Bundesrepublik, Japan und Italien haben ihre
industrielle Basis erhalten, weil sie sich nicht auf militärische
Produktion fokussiert haben.
„Zeitenwende nach der Zeitenwende“: Hoffnung in den
Widersprüchen
Sie schreiben, eine Zeitenwende nach der Zeitenwende bleibe
möglich und nötig. Die aktuellen Mehrheitsverhältnisse sprechen
eher gegen diese Einschätzung. Wo sehen Sie konkrete
Anhaltspunkte für Ihre These?
Natürlich gibt es einen mächtigen Block, der das Projekt stützt: die
Rüstungskonzerne, eng verzahnt mit den sicherheitspolitischen
Denkfabriken. Wie in den USA entsteht hier ein militärisch-
industrieller Komplex mit Drehtürprinzip – ein ehemaliger
Verteidigungsminister landet im Aufsichtsrat von Rheinmetall, ein
ehemaliger Generalinspekteur geht erst zu Rheinmetall, dann zur
Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und berät als
solcher wieder die Bundesregierung.
Privilegierte Beschäftigtenteile tragen es mit – Ingenieure, die
früher in die Autoindustrie wollten, dann in die Energiewende, jetzt
in die Rüstung. Kommunen werden zu Komplizen, weil sie Straßen
oder Schienen nur noch saniert bekommen, wenn das für den Krieg
gegen Russland gedacht ist.Aber die Frage „Aufrüstung oder Sozialstaat?“
spitzt sich dramatisch zu.
Wir erleben es schon: Kürzungen bei der Lohnfortzahlung im
Krankheitsfall, in der Pflege, bei Eingliederungsmöglichkeiten für
Bürgergeldempfänger. In dem Maß, wie die Aufrüstung
durchschlägt, wird die Frage politisiert werden: Wollen wir ein
Militärstaat sein oder ein Sozialstaat, der ja Voraussetzung der
Demokratie ist? Sozialabbau wirkt entdemokratisierend und
befördert Autoritarismus.
Diese Widersprüche sind unsere Hoffnung. Am Ende wird bei jedem
gesellschaftlichen Konflikt die Aufrüstung der Elefant im Raum sein.
Wenn Leute sich über eine nicht fahrende Bahn beschweren, über
unterbesetzte Kitas oder vor sich hin rottende Schulen, dann wird
klar sein: Dafür wurden Korvetten und Fregatten beschafft, die im
Bündnis mit den USA durch die Straße von Taiwan schippern. Dafür
wurden völlig überteuerte Panzer gekauft, die einfach sinnlos sind.