Wenn Einspeisen ins Netz kostet
Exakt 242 Stunden lang kostete eine Megawattstunde Strom an der deutschen Börse zwischen Januar und Mai weniger als null. Wer ihn abnahm, bekam Geld dafür. Häufiger trat das Phänomen in den ersten fünf Monaten 2026 nur in sechs der zehn zurückliegenden Gesamtjahre auf, wie eine Auswertung des Hamburger Energieunternehmens 1Komma5Grad zeigt.
An der Strombörse bildet sich der Preis Stunde für Stunde aus Angebot und Nachfrage. Zu Minus-Stunden kommt es, wenn das Angebot die Nachfrage weit übersteigt, wenn also an sonnigen, windigen Tagen mehr Strom ins Netz drängt, als Haushalte und Industrie abnehmen. In diesem Fall rutscht der Strompreis unter null, das Geschäft kehrt sich um, und der Erzeuger zahlt dafür, dass ihm jemand den Strom abnimmt.
Dass viele Anlagen dennoch weiter einspeisen, hat zwei Gründe. Das Abschalten und Wiederhochfahren großer Kraftwerke ist teuer, und zahlreiche Solaranlagen behalten ihre Förderung auch dann, wenn ihr Strom am Markt nichts mehr wert ist.
Ob 2026 den Rekord des Vorjahres von 573 Negativstunden übertrifft, ist offen. Im gleichen Zeitraum des Jahres 2025 zählte die Börse 248 solcher Stunden, sechs mehr als in diesem Jahr. Die Richtung stimmt trotzdem seit Jahren, und sie weist deutlich nach unten. 2016 lagen die Preise nur an 97 Stunden im Minus, seither hat sich die Zahl nahezu versechsfacht.
Wenn die Sonne den Markt flutet
Negative Preise entstehen, wenn zeitweise deutlich mehr Strom erzeugt als verbraucht wird. Besonders häufig geschieht das an sonnigen Wochenenden und Feiertagen, wenn Solaranlagen große Mengen ins Netz drücken und die Nachfrage aus der Industrie gering bleibt. Lässt sich der Überschuss weder speichern noch ins Ausland exportieren noch durch höheren Verbrauch aufnehmen, fällt der Börsenpreis unter null.
Der Grund für die Häufung liegt im Zubau. Ende 2025 waren in Deutschland rund 117 Gigawatt Photovoltaik installiert, gut 17 Gigawatt mehr als ein Jahr zuvor. An einem sonnigen Mittag kann diese Leistung kurzzeitig mehr Strom liefern, als das Netz aufnimmt. Der Ausbau der Erneuerbaren schreite voran, erklärt Jannik Schall, Mitgründer von 1Komma5Grad, einem Anbieter von Solaranlagen, Speichern und dynamischen Tarifen. Was fehle, sei das gleiche Tempo bei Speichern, Netzen und intelligenter Steuerung. Deshalb sei in den kommenden Jahren mit einer weiteren Zunahme negativer Preise an der Börse zu rechnen, heißt es in der Analyse des Unternehmens.
Der Tag im Mai, an dem der Markt seinen Boden fand
Wie tief der Preis fallen kann, zeigte der 1. Mai. An dem Feiertag sackte der Day-Ahead-Preis auf die regulatorische Untergrenze von minus 499,99 Euro je Megawattstunde, umgerechnet rund minus 50 Cent pro Kilowattstunde. So niedrig war der Preis zuletzt vor knapp drei Jahren, im Juli 2023. Weil die Industrie feiertagsbedingt kaum Strom nachfragte und zugleich viel Wind- und Solarstrom ins Netz floss, überstieg das Angebot die Nachfrage um mehrere Gigawatt, obwohl zahlreiche Anlagen bereits abgeregelt waren.
Im Monatsschnitt fiel der Mai dennoch aus dem Rahmen der Aufregung. Mit 77 Negativstunden lag er zwar über dem langjährigen Mittel, blieb aber unter den Vorjahreswerten von Mai 2025 mit 129 Stunden und Mai 2024 mit 78 Stunden. Der kontinuierliche Anstieg der vergangenen vier Jahre wurde damit vorerst unterbrochen. Im Durchschnitt lag der Negativpreis 2026 bei minus 28,65 Euro je Megawattstunde.
Die Mai-Bilanz war nur eine Zwischenmarke, denn saisonal ist der Juni der kritischste Monat, da dann viele Sonnenstunden und eine geringere Industrienachfrage an den Wochenenden zusammentreffen. So stieg die Zahl der negativstunden im Juni 2025 auf 141, den bislang höchsten Monatswert überhaupt. Für 2026 hat 1Komma5Grad noch keine Halbjahresbilanz vorgelegt, mit den Juni-Werten dürfte der Jahreswert aber klar über den 242 Stunden liegen.