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Schneckenfresser

Es regnet in Strömen aber es ist wenigstens nicht kalt. Das laufen in den völlig durchnässten Klamotten fällt nicht leicht und hin und wieder hört man einen derben Fluch. Langsam wird es hell und der Morgennebel kriecht bis weit ins Unterholz des nahen Waldes. Die Männer, die sich gebückt und nach allen Seiten schauend über ein großes Rapsfeld bewegen, sind NVA-Fallschirmjäger – genauer: Resis. Reservisten, die für kurze Zeit ihren Arbeitsanzug gegen einen Kampfanzug eingetauscht haben. Obwohl sie diesen Tausch nicht auf eigenen Wunsch durchgeführt haben, wirken sie jetzt und hier recht gut motiviert.
Mitten in der Nacht hatte der Zugführer Oltn. Kühn die Leute alarmiert. Der „freche“ Bonner-Ultra habe wieder mal in der Nähe von Lanken-Granitz auf der Insel Rügen einen Brückenkopf gebildet … und das tat der regelmäßig, bis zu 10 Mal im Monat. Da fragt man sich schon was für „Kantenlatscher“ wir hatten!? Und nun … wurden 10 Fallschirmjäger-Resis los geschickt, die Kartoffeln aus dem Feuer zu holen, diesen Brückenkopf nach allen Regeln der sozialistischen, vom Haß geprägten Fallschirmjägerei zu zerschlagen.
Nach einer umfangreichen Einweisung durch den Zugführer, die Waffen hatten wir schon am Mann, gab´s noch die Übungsmunition und die Verpflegung – Komplekte! Der Koch musste ja im Objekt bleiben, der durfte erst bei großen „Gefechten“ raus! Nach dem wir alles verstaut hatten, ging´s ab zum Startplatz, wo der EG-Kleinabsetzer vom Typ „Weh Fümpf Null“ schon den Motor warmlaufen ließ. Wir stiegen auf und immer unter dem Radar bis zum Absetzpunkt. Ich hätte nie gedacht, dass es in dieser Höhe soviel Luftlöcher gab – manchmal hatten wir das Gefühl, als berühre das Fahrwerk den Erdboden. ‚Mein lieber Scholli‘ … uns tat ganz schön der Hintern weh.
In der Nähe der Ortschaft Kasnevietz wurden wir abgesetzt. Da die Wolkendecke so niedrig war, dass selbst die Nebelkrähen zu Fuß gingen (, aber das war wohl eine andere Geschichte!?), ein Sauwetter war, dass die Schirme eine Woche gebraucht hätten, um wieder trocken zu werden, erfolgte der Absprung ohne Schirm. Satte ein Meter fuffzig waren es bis zum Erdboden und das bei einer nie wieder erreichten Absetzgeschwindigkeit. Aber Dank des hervorragenden Ausbildungsstandes der Resis – gelernt ist gelernt – gab es keine Verletzten.
Als Einsatzgruppenführer war Ufw. Pürzel eingesetzt, ein sehr guter Soldat, und Stgfr. Selig war auch mit von der Partie. Übrigens ebenfalls ein ausgezeichneter und sehr sportlicher Soldat, dass man noch öfter nicht auf ihn als Reservist verzichten wollte – armer Kerl!
Wir umgingen die Ortschaft Putbus und bewegen uns gedeckt in Richtung Sellin, dabei einige Kilometer entlang der Schmalspurstrecke Binz – Putbus. Sauwetter und … kein „Rasender Roland“. Aber uns fällt auf, dass sich am brenneselbewachsenen Bahndamm eine Unmenge von Weinbergschnecken tummeln – fast wie die FKK-Mietzen beim Sonnenschein am strandseitigen Objektzaun!
Bei dem Gedanken – nicht an die Mietzen … was ihr wieder denkt – nur Büchsenbrot und Komplekte als Verpflegung dabei zu haben, dauerte es nicht lange und eine „abartige“ Idee wurde laut ausgesprochen: “Wir fressen Schnecken!“ Schon der Gedanke daran jagt mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. Als Junge hatte mir mein Opa Otto in so mancher Abendstunde vom Franzmann erzählt. Immerhin gehörte Opa zu den paar Hunderttausend Sicherheitsbeamten, als ein gewisser Herr am 23. Juli 1940 der Stadt der Liebe einen Besuch abstattete und … die nicht zerstören ließ. Also damals, als kleiner Junge, schaute ich meinen Opa ungläubig an als er mir davon erzählte, dass besagtes Menschengeschlecht jenseits des Oberrheins sich schon am frühen Morgen den Rotwein in den Schlund schüttete, den Lurchen die Beine ausreißt und die Schnecke aus ihrem Eigenheim lutscht. Das ging mir nun durch den Kopf …
Erst glaube ich an einen Scherz aber als Selig seine Schutzhandschuhe raus holt, dass waren damals noch diese „Dreifinger Frommse“, merke ich, dass die anderen keinen Scherz machten! Mich würgte es schon bei dem Gedanken … und beim Sammeln wurde es nicht besser. Die Schutzhandschuhe waren schnell gefüllt.
In der Nähe von Serams verließen wir die Kleinbahnstrecke und begaben uns in das Waldgebiet der Granitz.
Dort suchten wir uns einen günstigen Platz und bauen eine Basis aus – immerhin war es inzwischen früher Vormittag und die Sonne schien. Herrlich in dieser bedrohlichen Lage! Die richtige Zeit zum Frühstücken.
Unsere Jacken hängten wir zum Trocknen in der Sonne. Die Schnecken wurden aus den Handschuhen zu einem schönen Haufen aufgeschüttet.
Natürlich hatte nun schon jeder – außer mir – kiloweise Schnecken gefressen und natürlich zauberte jeder das beste Rezept aus dem Barett. Und was dann ablief hätte jedem französischen Gourmet, sehr wahrscheinlich, die Tränen in die Augen getrieben, denn mit Delikatesszubereitung hatte das nichts mehr zu tun.
Die Schneckenhäuser wurden zerdrückt, die Schnecken heraus gefummelt, lang gezogen, um festzustellen wo vorn und hinten, oben und unten ist. Zu guter Letzt wurde gemäß französischer Eigenart guillotiniert – der Kopf abgeschnitten. Nachdem wir sie in heißem Wasser gewaschen hatten, stellt plötzlich einer fest: Schnecken müssten eigentlich auch einen Darm haben. Das Massaker ging von vorne los. Jetzt wurden die Schnecken unter der leicht angedrückte Messerklinge durchgezogen, um eine eventuelle Darmentleerung zu erzielen. Nach erfolgtem Messer-, mit Stuhl hatte das nichts zu tun, -gang wurden sie noch mal im warmen Wasser gewaschen.
Das Braten der Schnecken erfolgte im Kochgeschirrdeckel zusammen mit Schmalzfleisch und Jagdwurst. Und weil eine Schnecke zu einem sehr hohen Prozentsatz aus Wasser besteht, wurde der Haufen in der „NVA-Gourmetpfanne“ – Gott sei Dank – immer kleiner. Beim Essen versagten meine Geschmacksnerven ihren Dienst, ich konnte keinen Geschmack feststellen, aber erahnte so etwas wie Pilze mit Backpflaumen oder so. Nur … wo sollten die hergekommen sein? Mit „Ah“ und „Oh“ schaukelten sich die Männer gegenseitig hoch. Ich bin aber auch heute noch davon überzeugt, wäre jeder von uns allein gewesen, wäre eine Scheibe Büchsenbrot mit Schmalzfleisch der Favorit gewesen.
So aber hatte ich mit Ehrfurcht zu diesen erfahrenen Kämpfern, die ausgesandt waren, einen Brückenkopf allein zu räumen, aufgesehen und einfach mit gefressen. Und … wir haben es überlebt!

25 Jahre später habe ich den Versuch noch einmal unternommen. Wo? Auf dem Mont-Saint-Michel an der französischen Atlantikküste in einen kleinen Restaurant gemeinsam mit meiner Frau. Dort habe ich eine ganze Portion Weinbergschnecken bestellt, zubereitet in Kräuterbutter. Als der Ober das Besteck brachte, hatte ich das Arbeitspult meiner Zahnärztin vor Augen – Haken und andere fragwürdige Gerätschaften.
Mit dem kleinen Haken wurde die Schnecke aus ihrem Haus gezogen und dann auf dem Teller mit den anderen Gerätschaften weiterbehandelt. Ich brauchte zum Erstaunen meiner Frau nur ein Messer , während sie mit dieser ganzen Prozedur nur schwer zurecht kam. Aber … Die Schnecken schmeckten gut – nach Kräuterbutter. Nach dem Essen sagte mir meine Frau, dass sie darüber gestaunt hätte, wie schnell und gut ich mit meinem „Schneckengericht“ zurechtgekommen sei. Stolz wie ein … Spanier … habe ich ihr geantwortet: „Schnecken … Schnecken haben wir bei den Fallis dreimal im Monat gegessen!“

Ach ja …. der Überfall! Das Objekt war kein Brückenkopf sondern ein Umspannwerk. Wir hatten es gegen Mittag aufgeklärt und am Abend sollte der Überfall erfolgen. Wir sind aber nicht ran gekommen, denn der vermeintliche Gegner waren acht Unteroffiziersschüler und Ufw. Kahlow aus dem UAZ!

Diese Männer legten den Grundstein für mein Fallschirmjäger-Dasein. An diesen Reservistenausbildungszug (RAZ) denke ich noch heute gern zurück. Die Namen dieser Männer haben sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt … wie der Geruch verbrannten Schneckenfleisches.

Euer,
die deutsche Küche bevorzugende
Hauptfeld der Na.Komp. Manne Sagan

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